Der Beitrag heute ist von Heike Gattnar. „An Heike schätze ich ihr enormes Wissen über Trauma und ihre große Erfahrung in der Arbeit damit. Ich mag ihre Freude, ihr Lachen und ihre Lebendigkeit – und wie sie den Blick immer wieder auf Wege und Möglichkeiten richtet statt auf Probleme.“ Diane von Muutos e.V.

„Was hat dich so berührt, dass du dein Leben (auch) dem Thema Trauma widmest?“ 

Geboren mitten im Krieg haben mich die Schrecken von Krieg und die Traumatisierung meiner Eltern und Vorfahren geprägt. Durch langjährige Therapien und vor allem durch Somatic Experiencing habe ich aus meiner Dissoziation und den Symptomen gelernt. Schon seit Mitte der 90er Jahre ist es mir ein Anliegen anderen Menschen Mut zu machen und ihnen einen Weg aus alten und neuen Traumata zu zeigen. Für mich ist es ein Weg zu einer friedlicheren Welt. Hier ein paar Gedanken zu Trauma und Transgenerationales Trauma:

Jedes Leben beginnt mit einem Staunen, beginnt mit Möglichkeiten. Ob diese sich entfalten können, hängt ganz wesentlich von der Umgebung und den Erfahrungen ab: Wird das Kind begrüßt, in seinen Möglichkeiten gesehen, unterstützt und gefördert, wird es geliebt? Dann wird es eine Resilienz gegen die Fährnisse des Lebens entwickeln können. Oder sind die Eltern gefangen in Schmerz, Trauma, Trauer, Krankheit….?

Oft sind die Anfangsbedingungen oder das Leben nicht so günstig und allzu oft machen Menschen die Erfahrungen von Lieblosigkeit, Gewalt, Hass, Zerstörung und Entwürdigung. Oft sind das Entsetzen, der Schrecken und die Bedrohung so groß, dass nicht angemessen auf die schlimme Erfahrung reagiert werden kann, der Mensch sie nicht in sein Leben integrieren kann, etwas offen bleibt.
Was bleibt ist Hilflosigkeit. Hilfloses Entsetzen, hilflose Wut, Nicht-Verstehen…..
Der Mensch verliert den Kontakt zu sich selbst, zu seiner Umgebung und zu einem Größeren. Er verliert das gesunde Gefühl für Grenzen, den eigenen und die der anderen. Tief innen erstarrt etwas in ihm. Man nennt das Trauma.

Entsetzen und Hilflosigkeit sind nicht auszuhalten und jeder wird versuchen etwas zu ändern. Manche werden zu Opfern die leiden, über das Unsagbare schweigen, resignieren, sich zurückziehen oder ihre hilflose Wut gegen sich selbst richten und so in Gefahr sind, krank zu werden.
Andere klagen an, werden zu Tätern, die alles versuchen um nie wieder Opfer zu sein, die
sich an dem Außen rächen. Doch diese Rache trifft meist Unschuldige, die nichts mit der ursprünglichen überwältigenden Erfahrung zu tun haben.
Beide, Opfer und Täter können nicht mehr ihr ganzes Potential leben, können nicht mehr resonante liebevolle Mitmenschen und Eltern sein. Das sind die Folgen von Trauma.

Nötig wären Mitmenschen, die Traumatisierte in ihrem Potential sehen und ihnen helfen um den Verlust von Unversehrtheit und Würde zu trauern. Dann kann es einen dritten Weg, eine neue Möglichkeit neben dem Entweder-Oder, der Hilflosigkeit/Opfer und der Gewalt/Täter geben: der Mensch könnte an der überwältigenden Erfahrung, am Trauma wachsen und seiner selber mächtig werden.

Transgenerationales Trauma gibt es nur weil ein/e AhnIn in einer anderen Zeit ein Trauma erlitten hat, das nicht zu integrieren war, für das es keine konstruktive Lösung gab. Ohne es zu wollen geben die Vorfahren über die Gene, die Epigenetik und die Bindung ihre Erfahrungen an die Nachfahren weiter. Anfangs lernen Kinder, wie gute Pantomimen, die Welt hauptsächlich über Nachahmung kennen und sicher auch über die Stimmung, das Schwingungsfeld in einer Familie. So übernehmen sie nicht nur Bewegungen, Gesten, Gedanken sondern auch Schwingung von Depression, Verzweiflung, Wut u.v.m.
Schon vor der Zeit war Traurigkeit.
Selbst wenn Kinder später den Kontakt mit den Eltern und Vorfahren abbrechen, sind sie jedoch ganz unbewusst loyal diesen gegenüber. Das geht so weit, dass sie, ohne es zu wollen, diesen ähnlich werden oder ähnliche Erfahrungen machen. Manches Mal ist das für eine/n Nachgeborene/n die einzige Möglichkeit einem Elternteil nahe zu sein.
Nicht selten versuchen die Nachgeborenen sogar einen Ausgleich für die Hilflosigkeit der Ahnen zu finden, werden selbst zu Tätern.

Wenn wir das Leben von Machthabern wie Hitler, Stalin, Trump u.v.a. betrachten, taucht die Frage auf, welche Eigenschaften sie entwickelt hätten, wenn ihre Vorfahren – und sie selbst als Kinder – nicht Entsetzliches erlebt hätten, nicht traumatisiert, sondern geliebt und gefördert worden wären? Wie wäre Putin geworden, wenn sein ältester Bruder nicht bei der Blockade von Leningrad mit 2 Jahren verhungert und seine Mutter nicht fast gestorben wäre? Was, wenn sein Vater nicht im Krieg gewesen und fünf dessen Brüder im Krieg umgekommen wären? Wie, wenn Putin einen unterstützenden ältesten Bruder und fünf Onkel als Vorbild gehabt hätte?
Andere haben aus den Schrecken ihrer Vorfahren und der eigenen Hilflosigkeit andere, menschlichere Wege gefunden, wie z.B. Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, u.v.a. Das war ihnen möglich, weil sie die Erfahrung gemacht hatten, dass irgendein Mensch sie irgendwann (und sei es auch nur kurze Zeit) gesehen oder geliebt hat und sie Sinn in ihrem Leben gefunden haben.
Kein Mensch wird als Täter geboren, sondern wird durch die Erfahrungen in seinem Leben dazu gemacht. Vielleicht ist es nötig, dass wir traumatisierten Menschen – ganz gleich ob Lebenden oder Vorfahren – in ihrem Menschsein wohl-wollend begegnen, ihr Schicksal würdigen (nicht um dieses zu beschönigen) und nach ihrem Potential Ausschau halten. Und manchmal hilft es sich vorzustellen, dass ein Verbündeter oder Engel hinter ihnen steht.

Wir leben gerade in einer Meta-Krise, die nur verwandelt werden kann, wenn auch die Stimmen derer hörbar werden, die durch Trauma gegangen sind. Gewaltfreie Kommunikation und das Wissen um Trauma tragen die Kraft, unsere Welt zu verändern – und dein Licht trägt dazu bei, dass dieser Wandel möglich wird.

Diane und das Team von Muutos e.V.

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