Der Beitrag heute ist von Heike Pourian. „Mit Heike verbindet mich, dass mich ihre Bücher und Geschichten immer wieder tief berühren und dass wir beide an einem Netz des gesellschaftlichen Wandels und einer neuen Kultur mitweben – wenn auch an unterschiedlichen Stellen. Ihre Geschichten haben mir oft Mut gemacht, gerade auch im Persönlichen, eine neue Kultur zu leben.“ Diane von Muutos e.V.

Zum Nikolaustag gibt es heute für dich eine Geschichte von Heike Pourian.

Einige Stunden bin ich schon unterwegs und sitze nun in einem altertümlich wirkenden Verkehrsmittel, das einer Straßenbahn ähnelt. Es kurvt gemächlich an einem Flüsschen entlang durch ein beschauliches Schwarzwaldtal. Abendstimmung.

Wir passieren gerade eine wildromantische Stelle. Sie wirkt wie einer dieser Holzstege, die in den Alpen an die Felswand einer Klamm geschraubt wurden, damit die Touristen der Naturgewalt ganz nah sein können, ohne nasse Füße zu bekommen. Auf so etwas Ähnlichem schlängelt sich hier das Bähnlein hoch über dem Wasser entlang.

Unter mir beginnt es zu rattern und zu pochen. Hat das eben erst angefangen oder war das schon die ganze Zeit so? Nein, das wäre mir aufgefallen, es ist nicht zu überhören. Was für ein Vertrauen wir doch in die Technik, in alles Menschengemachte haben! Hängen hier unbeteiligt über dem Abgrund und heben den Blick kaum von unseren elektronischen Endgeräten.

Als wir wieder auf festem Boden sind, hört das Klopfen nicht auf. Es klingt, als hätte sich etwas am Fahrwerk gelöst und und schlüge nun von unten gegen den Boden des Waggons. Was ist das? Ich gucke mich um. Die wenigen Fahrgäste, die mit mir reisen, unterhalten sich weiter oder gucken auf ihr Handy. Kann man das einfach ignorieren? Es ist wirklich laut!

Wenn alle so entspannt sind, will ich nicht hysterisch wirken. Vielleicht hat sich ein Ast irgendwo verfangen, wird nun mitgeschleift und braucht nur noch ein paar Meter, bevor er sich wieder löst. Ich sollte mir keine Sorgen machen, wenn alle anderen so wirken, als wäre gar nichts. Und ich habe zu tun, nutze Zugfahrten gern zum Arbeiten, ein Text wartet auf Fertigstellung. Ich tippe ein paar Buchstaben, bin aber nicht bei der Sache.

Es klopft immer stärker. Ich denke an jenen ICE, der vor vielen Jahren in Eschede bei voller Geschwindigkeit entgleiste und gegen einen Brückenpfeiler prallte. Der Ring um eines der Räder hatte sich gelöst, verkeilt und den Zug schließlich aus den Schienen gehoben. Viele Menschen starben oder wurden schwer verletzt. Überlebende berichteten von einem klopfenden Geräusch, das sie dem Zugpersonal meldeten. Ihnen wurde versichert, alles sei in Ordnung. So las ich es damals.

Ob dieser straßenbahnartige Zug auch solche Räder hat, deren äußerer Ring sich lösen könnte? Wir sind ja nicht besonders schnell unterwegs, beruhige ich mich, und die spektakuläre Stelle hoch über dem Fluss haben wir längst hinter uns gelassen; rechts und links jetzt Wiesen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie sich Entgleisen anfühlt. In welche Richtung würde der Zug kippen? Woran könnte ich mich festhalten, wohin mich rollen, um nicht irgendwo dagegen zu knallen? Was ist mit den älteren Menschen da drüben, die vielleicht nicht so geübt sind im Abrollen wie ich? Sollte ich zumindest mal meinen Laptop verstauen, damit er niemandem um die Ohren fliegen kann? All diese Gedanken habe ich, ohne irgendetwas zu tun. Verlegen schiebe ich wenigstens mal meinen Koffer unter den Sitz. Ob das helfen würde?

Das Klopfen ist unregelmäßig und wirklich sehr laut. Ist das Grund genug, die Notbremse zu ziehen? Zwei Fahrgäste fangen nun immerhin an, sich darüber zu unterhalten, was da los sein könnte. Ich suche ihren Blick, aber sie nehmen keine Kenntnis von mir.

Der Zug fährt langsamer, nähert sich der nächsten Station, hält. Das Klopfen hört auf. Ist es weg? Der Zug fährt wieder an, kein Klopfen. Es ist weg. Der Zug wird schneller. Da ist es wieder. Da, direkt unter meinen Füßen, nicht nur hörbar, auch als Erschütterung spürbar.

„Das klingt nicht gut“, sage ich in den Waggon hinein, ohne jemanden direkt anzusprechen, aber laut genug, um gehört zu werden. „Sollten wir nicht etwas tun? Ob der Fahrer oder die Fahrerin das nicht merkt?“ Von der Gruppe älterer Menschen in meiner Nähe zuckt einer mit den Schultern, sonst im ganzen Waggon keine Reaktion. Übertreibe ich es mit meiner Beunruhigung? Eigentlich neige ich nicht dazu, Situationen zu dramatisieren. Draußen wird es allmählich dunkel. Es klopft sehr laut.

Endlich stehe ich auf und gehe nach vorne zur Fahrerkabine. Ich gucke rein. Sie ist leer. Da sitzt niemand. Einen Moment lang wähne ich mich in einem Film. Was hat das zu bedeuten?

Mir fällt die automatische U-Bahn in Nürnberg ein. Mein Sohn hat es damals aufs Genaueste verfolgt, als sie getestet und schließlich in Betrieb genommen wurde. Als es endlich so weit war, stellte er sich gern vorn an das Fenster, das in den Tunnel hinein auf die Gleise guckt, und spielte Lokführer. In Wirklichkeit gab es den nicht, sondern ein ausgeklügeltes System von Sensoren und Rechnern, die den Zug steuerten und bei Gefahr bremsten – schneller und sicherer als ein Mensch, hieß es.

Könnte so ein altertümlich wirkendes Bähnlein wie dieses automatisch gesteuert sein? Beruhigt oder beunruhigt mich dieser Gedanke? Kann es wirklich sein, dass wir hier gerade ohne menschliche Führung durch die Landschaft tuckeln? Das Klopfen macht jetzt keine Pausen mehr. Es hämmert ununterbrochen. Wessen Aufgabe ist es, das zu hören und zu beheben? Wann reagiert endlich irgendwer? Oder, wenn es keine lebendige Person gibt, warum schlägt das System nicht Alarm, bremst, stoppt?

Entsetzt starre ich in die menschenlose Kabine – und darüber hinaus. Jenseits des Fensters ein weiteres Fenster. Eine Spiegelung? Nein. Ich bin im hinteren von zwei Wagen! Wie peinlich, da zu stehen und ins Leere zu glotzen. War allen anderen Fahrgästen klar, dass hier niemand zu finden ist? Ich könnte im Boden versinken. Der vibriert vom Klopfen.

Hilflos gucke ich mich um. Immer noch scheint niemand im Waggon bereit, gemeinsam zu beraten, was zu tun ist. Es ist doppelt und dreifach peinlich. Meine im Vergleich zu den anderen übertriebene Alarmiertheit. Mein blödes Rumstehen hier vorne. Überhaupt einen Augenblick lang zu denken, dies könnte ein automatisch gesteuerter Zug sein. Meine Unfähigkeit, zu entscheiden, was nun zu tun ist. Meine Sorge um mein persönliches Hab und Gut. Meine Zurückhaltung, ja Angst, so etwas Krasses zu tun wie die Notbremse zu ziehen. Es rattert. Laut und unnachgiebig. Im Boden und in meinem Kopf. Was tun?

Beim nächsten Bahnhof rausspringen, ganz nach vorne rennen und dem Lokführer Bescheid sagen, von dessen Existenz ich jetzt wieder überzeugt bin? Von dem Klopfen hier im hinteren Waggon bekommt er vielleicht wirklich gar nichts mit. Schaffe ich das oder fährt der Zug ohne mich weiter und lässt mich an einem einsamen Haltepunkt im Nirgendwo zurück? Doch lieber die Notbremse?

Der nächste Bahnhof wird angesagt. Bedarfshalt. Kann ich mein Gepäck einfach hier zurücklassen: Koffer, Tagesrucksack, immer noch aufgeklappter Laptop mit nicht gespeicherter Datei? Was einem alles wichtig vorkommen kann.

Der Zug wird langsamer, mit ihm das Hämmern. Wir halten. Die Senior*innengruppe steigt aus. Ein junger Mann, der mir bisher nicht aufgefallen war, drängelt sich an ihnen vorbei und sprintet los Richtung Zugspitze; ich sehe ihn ganz vorn ans Fenster klopfen.

Kurz darauf die Durchsage: „Ein Schaden am hinteren Wagen macht die Weiterfahrt bis auf Weiteres unmöglich.“
Ich setze mich auf meinen Platz zurück und komme mir bescheuert untätig vor. Kurz darauf sehe ich den Zugführer außen am Waggon vorbei laufen. Während er gebückt das Fahrwerk inspiziert, verzieht er sein Gesicht zu fragenden Grimassen.
Ein Mann zückt sein Handy: „Das kann dauern hier“. Wenig später steigt er aus, wird abgeholt. Außer mir sind noch zwei Leute übrig. Schließlich eine weitere Durchsage: „Bitte in den vorderen Zugteil umsteigen, der hintere ist defekt.“ Hastig verstaue ich meinen Laptop im Rucksack, wir wechseln den Waggon. Im Schneckentempo zuckeln wir aufs Abstellgleis. Das Abkoppeln dauert eine Weile.

Die letzten Kilometer bis zum Zielbahnhof fahren wir, als wäre nichts gewesen, außer ein bisschen Verspätung. Verstört sitze ich auf meinem Platz, entsetzt über mich selber. Den Kopf an die kalte Fensterscheibe gelehnt starre ich in die Welt da draußen, die in dunklen Konturen vorbeizieht; ab und zu ein Licht.
Ich habe nichts getan! Der Unfall in Eschede hätte durch sofortiges Ziehen der Notbremse verhindert werden können, so las ich. Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, das zu tun. Warum kam mir das als Maßnahme zu drastisch vor, unangemessen? Statt zu handeln habe ich mich mit allerlei Fragen aufgehalten – zum Beispiel, ob die Mitreisenden mich seltsam finden könnten.

Es ist einige Jahre her, dass ich diese Geschichte aufgeschrieben habe. Nicht als Parabel. Ich habe sie nicht konstruiert, um etwas zu veranschaulichen. Nein, genau so ist es passiert. Die Übertragbarkeit auf unsere gesellschaftliche Situation erschütterte mich schon damals. So verhalten wir Menschen uns – oder vielmehr: verhalten uns nicht – im Angesicht der multiplen Krisen, die wir gegenwärtig erleben.

Den Text hat allerdings nie jemand zu lesen bekommen, er erschien mir noch nicht fertig. Neulich fand ich die Geschichte beim Sortieren meiner Dateien wieder und erschrak erneut. Es war und ist mir unangenehm, mich damit zu zeigen, dass ich in dieser Situation derart gelähmt war, tatenlos blieb, unfähig, angemessen zu handeln. Ich, die ich ständig mahne, uns der Verantwortung zu stellen, diese Welt lebensförderlicher zu gestalten. Kein Wunder, dass ich das nicht veröffentlicht habe. Lieber möchte ich mich verschämt verstecken als damit sichtbar zu werden. Also nun gerade deshalb.

Diese Geschichte hat Heike Pourian mit uns geteilt. Wenn du tiefer eintauchen möchtest, empfehle ich dir ihr wundervolles Buch ‚Wenn wir wieder wahrnehmen – Wach und spürend den Krisen unserer Zeit begegnen‘. Du findest es hier:

Heike Pourian

Wir leben gerade in einer Meta-Krise, die nur verwandelt werden kann, wenn auch die Stimmen derer hörbar werden, die durch Trauma gegangen sind. Gewaltfreie Kommunikation und das Wissen um Trauma tragen die Kraft, unsere Welt zu verändern – und dein Licht trägt dazu bei, dass dieser Wandel möglich wird.

Diane und das Team von Muutos e.V.

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