
Ein Raum für Dich …
Gewaltfreie Kommunikation + Trauma Adventskalender 2025
Der heutige Beitrag ist von Heike Pourian. „Mit Heike verbindet mich, dass mich ihre Bücher und Geschichten immer wieder tief berühren und dass wir beide an einem Netz des gesellschaftlichen Wandels und einer neuen Kultur mitweben – wenn auch an unterschiedlichen Stellen. Ihre Geschichten haben mir oft Mut gemacht, gerade auch im Persönlichen, eine neue Kultur zu leben.“ Diane von Muutos e.V.

Eine neue Generation
Aus: Heike Pourian, Wenn wir wieder wahrnehmen – Wach und spürend den Krisen unserer Zeit begegnen
3. Auflage 2025, S. 101-103
Einige Jahre lang arbeitete ich in einer spannenden Kooperation. Ich leitete als externe Künstlerin gemeinsam mit einem Lehrer, ich nenne ihn hier Bernhard, die Oberstufentheatergruppe seiner Schule. Die Einblicke, die ich dabei in das heutige Schulleben bekam, frustrierten mich. Offensichtlich saßen die Schülerinnen immer noch meist teilnahmslos ihre Zeit ab, ließen die Pflichtveranstaltung Unterricht über sich ergehen, spalteten sich ab, waren nicht wirklich anwesend. In diesem Zustand schlurften die Schülerinnen in unseren Probenraum.
Einmal, wenige Wochen vor der Premiere unseres Theaterstücks war es besonder schlimm. Die Probe war ein Desaster, nichts funktionierte, es entstand kein Gruppengeist, keine Spiellust, die Einsätze klappten nicht, der Text war nicht gelernt oder wieder vergessen worden. Mein Kollege, der Lehrer, wurde zusehends ungeduldiger.
Irgendwann platzte ihm der Kragen und er ließ sich zu einer Standpauke hinreißen: »Wisst ihr eigentlich, wie wenig Probenzeit wir nur noch haben und wie viel noch zu tun ist? Es gibt keine einzige Szene, die schon richtig sitzt. Das schaffen wir nie! Wenn ihr so weitermacht, wird das die totale Katastrophe. Ich würde ja gern sagen, blamiert ihr euch nur, aber das fällt ja auch auf mich zurück, das könnt ihr mir wirklich nicht antun!«
Ich fragte mich, was ich tun könnte, damit die Schülerinnen nicht völlig entmutigt nach Hause gehen würden. Da kam der erlösende Gong. Ohne abzuwarten, ob ihr Lehrer fertig gesprochen hatte, packten die Jugendlichen ihre Taschen.
Währenddessen legte ich mir Worte zurecht, wie ich dem Kollegen schonend beibringen könnte, wie kontraproduktiv seine aufgebrachte Ansprache war. Ich wartete ab, während die letzten Schülerinnen den Raum verließen. Einer von ihnen ging entschlossen auf uns zu. Es war Niklas, sechzehn, Chucks, löchrige Jeans, Dreadlocks. Er brachte es schnörkellos vor: »Bernhard, ich wollte dir nur sagen, dass das nicht besonders hilfreich war gerade. Wenn du nervös bist und Angst hast, dass wir es nicht hinkriegen, dann ist das deine Sache. Es macht keinen Sinn, wenn du uns das in die Schuhe schiebst. Wir hatten heute einen echt anstrengenden Tag mit einer richtig fiesen Klausur, und das war halt jetzt mal eine verpatzte Probe. Das kommt vor, das wissen wir doch. Kann man ja einfach sagen, muss niemand schönreden. Und da braucht man dann halt nicht noch mehr Stress, sondern ein bisschen Ermutigung. Aber jetzt sind alle total demotiviert hier rausgegangen. Und so kommen sie dann auch zur nächsten Probe. Nicht gerade eine gute Voraussetzung, dass sie sich dann total ins Zeug legen. Ich würd’ mal sagen, du hast mit deiner Predigt das Gegenteil von dem erreicht, was du wolltest. Das mag ich dir mal als Feedback geben, damit du das aus unserer Perspektive sehen kannst.«
Ich war beeindruckt. Auf den Punkt gebracht, nicht rumgemotzt, sondern sachlich die Situation beschrieben. Woher konnte dieser Sechzehnjährige das? Wie konnte er so gelassen bleiben? Woher hatte er den Mut, die Klugheit und die Geduld?
Eine einzige Generation nach mir gab es Jugendliche, die mich spüren ließen: Da kommen jetzt welche, die sind erheblich weiter als die Bewusstesten von uns damals. Diese Jugendlichen sind in eine andere Welt hineingeboren. Einige von ihnen haben und nutzen die Möglichkeit, auf Destruktives konstruktiv zu reagieren und jene Spirale zu beenden, über die wir normalerweise den Druck die Hierarchieleiter hinab weitergeben – an irgendwen, der oder die sich nicht gut wehren kann. Wer weiß, wo Bernhards Angst ihren Ursprung hatte.
Danke, Niklas. Die andere Welt ist schon am Werden. Sogar an einem verpatzten und vermotzten Tag kann ich sie bisweilen atmen hören.
Diese Geschichte hat Heike Pourian mit uns geteilt. Wenn du tiefer eintauchen möchtest, empfehle ich dir ihr wundervolles Buch ‚Wenn wir wieder wahrnehmen – Wach und spürend den Krisen unserer Zeit begegnen‘. Du findest es hier:
Wir leben gerade in einer Meta-Krise, die nur verwandelt werden kann, wenn auch die Stimmen derer hörbar werden, die durch Trauma gegangen sind. Gewaltfreie Kommunikation und das Wissen um Trauma tragen die Kraft, unsere Welt zu verändern – und dein Licht trägt dazu bei, dass dieser Wandel möglich wird.
Diane und das Team von Muutos e.V.